old-dresden-dekore

Inh. Jörg Silbermann

Villeroy & Boch Dresden

1856 - 1945

Wissenswertes


Kapitel 1 (Spritzdekor)

Anfang der zwanziger Jahre begann man, ursprünglich expressionistische Muster, wieder zu beleben, diese aber durch
neue gewagte Form und Farbkombinationen der modernen Zeit anzupassen. Damit entstand die Grundlage für eine neue interessante
Dekorart, das Spritzdekor. Durch eine mit Druckluft betriebene Spritzpistole (Aerograph) brachte man die Farben auf den gebrannten
Scherben auf. Dies geschah freihändig und mit Hilfe von Schablonen, auch wurden beide Techniken miteinander kombiniert. Leichte Unterschiede
sind daher kaum zu vermeiden und machen jedes Stück ungewollt zum Unikat. Es entstand eine wahrer Wettlauf der Muster und Farben.
Viele der seinerzeit zahlreichen Manufakturen setzten auf diesen neuen Zeitgeschmack, andere dagegen verhielten sich eher abwartend und verhalten.
Einige Manufakturen haben aufwändige Entwicklungsabteilungen geschaffen, die Vorreiterrolle übernommen und waren damit sehr erfolgreich.
Bei V&B Dresden ging man anfangs den verhaltenen Weg, verpasste aber nicht den Einstieg, tastete sich heran, suchte weniger die Konfrontation und setzte unbedingt auf Qualität.

Die Dekore sind bis auf Ausnahmen vorsichtig gewählt. Auch die Farben sind nicht knallig, sondern dezent, aber gut in der Abstimmung.
Gelb, grün und braune Töne sind für V&B Dresden typisch und überwiegen. Ca.150 verschiedene Spritzdekore sind in Dresden entstanden und
unter den Dekornummern 7640 bis 7790 und bei späteren Stücken mit einem S (für Spritzdekor) vor der Dekornummer zu finden.
Besonders herausheben aus dieser Dekorvielfalt möchte ich die Dekore 7672 und 7683, die durch ein besonders gelungenes geometrisches
und lineares Dekor auffallen. Seinen abschließenden Höhepunkt findet die Zeit der Spritzdekore Mitte der dreißiger Jahre.
Bereits im Firmenkatalog V&B Dresden 1936 werden kaum noch Keramiken mit Spritzdekor angeboten. Gegen Anfang bis Mitte der dreißiger
Jahre fällt auf, das die Spritzdekore wieder mehr floralen konservativen Einflüssen unterliegen. Den Versuch, gegen die Zeichen der Zeit, das moderne
Spritzdekor am Leben zu erhalten, indem man eine Verschmelzung floraler und geometrischer Muster vornahm, halte ich für die Erfolglose
Suche nach einem Kompromiss. Als Fazit sind uns Keramiken geblieben, deren Ausstrahlungskraft eine ungebrochene Lebens-und Experimentierfreude
vermitteln, deren hoher Stellenwert in der Geschichte Villeroy & Boch Dresdens und vieler anderer Manufakturen, unumstritten sind. J.S.




Kapitel 2 (Gustav Partz in Dresden)

Gustav Partz wurde 1883 im ostpreußischen Waplitz als Sohn des begnadeten Naturmalers Carl Partz (1844-1907) geboren.
Seine Ausbildung absolvierte er unter anderem in renommierten Häusern wie der Textilfachschule Krefeld und der
Kunstgewerbeschule Düsseldorf. Noch während seiner Ausbildung galt sein besonderes Interesse der
Keramikgestaltung. Unter dem Einfluss von Peter Behrens und Hellmuth Ehmke entwickelte sich Gustav Partz zu einem der gefragtesten
Keramikgestaltern in Deutschland. Man findet seine Spuren an vielen Brennpunkten fortschrittlicher Keramikgestaltung seiner Zeit.
Im Jahr 1924 begann Gustav Partz, neben anderen Projekten, für das Villeroy & Boch Werk in Dresden Formen und Dekore zu entwerfen,
die bis 1929 einen nicht unerheblichen Anteil des Sortimentes ausmachten. Nach meiner Einschätzung kann man an den Dekornummern
4880 − 5000 und 6401 − 6860 die Schaffensphase von G. Partz in Dresden gut verfolgen.
Sehr erfolgreich waren seine Gebrauchskeramiken deren Modernität den Zeitgeschmack traf.
Höchstwahrscheinlich spielte die konsequente Trennung von Gebrauchs- und Zierkeramik dabei eine beabsichtigte Rolle.
Bei den Gebrauchkeramiken, deren Funktionalität im Vordergrund stand, kam die neue Ausdrucksweise einer modernen Ornamentik zum Tragen.
Gustav Partz benutzte dazu die in Dresden bereits fortgeschrittene Engobetechnik und baute sie zum Markenzeichen für Villeroy & Boch Dresden aus.
Am Bekanntsten ist wohl das in verschiedenen Engoben angebotene Dekor 6714.


Anders verhält es sich bei den sogenannten Zierkeramiken, denn hier werden experimentelle Wege eingeschlagen.
Gustav Partz entzieht Vasen und Dosen ihren bisherigen Stellenwert und nötigt den Betrachter sich hinsichtlich der Form und Größe,
Fragen über den Verwendungszweck dieser Keramiken zu stellen. Dies trifft ganz speziell auf eine Reihe von Vasen (Dek. 6564 − 6567)
und Deckeldosen (Dek. 6737 − 6748) zu. Bewusst, wie ich meine, hat Gustav Partz diesen Gegenständen eine Maßstabsverkleinerung
unterzogen um sie nicht effizient nutzbar zu machen. Die Funktionalität wird absichtlich erschwert, um das Interesse des
Betrachters auf Form, Dekor und Glasur zu lenken; man lernt die Keramik als Kunstwerk zu entdecken. Die Gegenstände
erfüllen somit die Aufgabe der bildenden Kunst. Sie funktionieren zwar im Praktischen weniger als im Geistigen, bilden dennoch eine Einheit.
Ohne das Wirken von Gustav Partz wäre der Weg in die neue Moderne, insbesondere bei Villeroy & Boch, nicht so erfolgreich verlaufen. J.S.




Kapitel 3 (Figürliche Plastiken)

Die Herstellung von figürlichen Plastiken bei Villeroy & Boch Dresden wurde lange, eher vernachlässigt,
bis sie um die Jahrhundertwende (1900) zum Durchbruch gelangten.

Ein großer Vorteil dieser edlen Steingutplastiken ist die Unterglasurmalerei, die ein verblassen
oder Farbabrieb, wie es häufig beim Porzellan (Aufglasurmalerei) zu sehen ist, verhindern.
Das verflüchtigen von Farbanteilen wird durch die geringere Brandtemperatur, im Gegensatz zu Porzellan, vermieden.


Hohe künstlerische Fertigkeiten, gepaart mit neuen Technologien ermöglichten die Herstellung einer Reihe von Plastiken, deren Auflagenstärke, nicht zuletzt durch den enormen Arbeitsaufwand, eher gering blieb.
Genaue Zahlen sind nicht bekannt. Nach meinem Kenntnisstand wurden letztmalig im
Verkaufskatalog von 1930 derartige Steingutplastiken in Form von Figurenascher mit Tiermotiven wie
Hund, Bär, Elefant und romantisierte Figuren, die Bildern Carl Spitzwegs entsprungen zu sein scheinen,
wie der Nachtwächter, Stadtsoldat und Amtmann, angeboten.

Nach der kurzeitigen Schließung der Manufaktur im Jahre 1930/31 wurde auch die Angebotspalette aus Gründen
der Rationalisierung, aber auch des sich veränderten Zeitgeschmackes, stark ausselektiert.
Leider fiel unter anderem auch ein Großteil der Herstellung von Plastiken der Umstrucktuierung zum Opfer.
Im ganzen also eine kurze, aber dafür sehr prägnante Karriere der Steingutplastik bei Villeroy & Boch Dresden. J.S.




Kapitel 3 (kleine Fliese)

Bei diesem Keramikbild handelt es sich um ein kleines, unsigniertes Kunststück,
welches auf eine Kachel 12,5 x 12,5cm gemalt wurde.
Die cremfarbene Kachel ist nur auf der Frontseite glasiert und mit einer künstlichen Craquele versehen,
welche mittlerweile von einer "Original" Craquele durchzogen ist. Bemerkenswert ist der rückseitig angebrachte
Merkurstempel V&B Dresden, der auf darauf schließen lässt, das diese Kachel im Rohzustand nicht als
Baukeramik vorgesehen war. Das Bild selbst stellt einen Jungen dar, der vor einer Staffelei sitzend einen
Hund malt und bei dieser Arbeit von einem kleinen schwarzen Hund beobachtet wird.
Offensichtlich hat sich der Junge den zu großen Hut und Mantel ausgeliehen um sich nicht mit Farbe zu beschmutzen.
Das Bild ist mit treffsicherer und flinker Pinselführung gemalt, welche den erfahrenen Kunstmaler verraten.
Vielleicht hat hier der Künstler im Atelier seinen Sohn oder Enkel bei seinen ersten Malversuchen verewigt?!






Kapitel 4 (zwei gleiche Teller)

Auf den ersten Blick zwei gleiche Teller. Form und Dekor sind fast identisch, auf den zweiten Blick stellt man jedoch schnell fest, dass der eine aus Porzellan und der andere aus Steingut gefertigt ist. Auch ist der Porzellanteller etwa 1cm tiefer. Der Durchmesser beträgt bei beiden 19,5cm. Im Spiegel ist ein taubenartiger Vogel im Anflug auf ein Früchtestand. Der Rand ist reliefartig bei beiden gewellt und über die Fahne zum Spiegel hin, mit sich verjüngenden Pinselstrichen versehen. Betrachtet man die Rückseite sieht man zwei verschiedene Herstellermarken, zum einen Villeroy & Boch Dresden zum anderen Hutschenreuther Selb Bavaria. Das erklärt schon mal den Porzellan bzw. Steingutunterschied beider Teller. Interessant ist die Signatur auf beiden Tellern. Auf dem Hutschenreuther Teller ist zu lesen, Handmalerei H.Mennacher-Zimmermann und auf dem V&B Teller H.Mennacher-Zimmermann München. Über den Künstler/Künstlerin konnte ich nichts in Erfahrung bringen.


Stellt sich nun die Frage, hat der unbekannte Künstler gleichzeitig für beide Manufakturen und in deren Auftrag gearbeitet, oder hat er beiden das gleiche Dekor verkauft? Weiterhin besteht die Möglichkeit, und diese favorisiere ich, dass der oben genannte Künstler auf Weißware der besagten Manufakturen seine Handmalerei in Aufglasur angebracht hat, um mit dem Vorteil der bekannten Markenstempel einen besseren Preis zu erzielen. Ob dies legal und mit Zustimmung der Manufakturen erfolgt ist, wage ich zu bezweifeln.